Das Clubjournal, die Mitgliederzeitschrift des Medifan - Clubs, beschäftigt sich in seiner jüngsten Ausgabe schwerpunktmäßig mit medizinischen Notfallsituationen in der Luft. Wir dokumentieren hier den Leitartikel:

Ist ein Arzt an Bord?

In einem Airbus A 340 der Lufthansa auf dem Weg von Frankfurt nach New York. Kurz nach Überfliegen der irischen Westküste wird in einer Toilette der Business-Class der Klingelknopf gedrückt. Eine Flugbegleiterin klopft an die Tür: keine Antwort. Sie entriegelt die Tür von außen und versucht, sie aufzuschieben. Der Faltmechanismus wird von innen blockiert; durch den Türspalt kann die Stewardeß die zusammengesunkene Gestalt eines Passagiers erkennen, der auf der Toilette kollabiert ist und sich mit seinen Beinen im Türrahmen verkeilt hat.

Inzwischen ist der Purser dazugekommen. Mit vereinten Kräften wird die Tür jetzt nach außen geöffnet und der Passagier aus der engen Toilette geholt. Gleichzeitig nimmt eine weitere Kollegin das Mikrofon der Bordsprechanlage von der Wand, informiert die Cockpitbesatzung über den Notfall und schaltet dann die Anlage auf die Kabinenlautsprecher: "Meine Damen und Herren, wenn sich unter den Passagieren ein Arzt befindet, wird er dringend in die Business Class gebeten."

Der Kollege G., ein Allgemeinmediziner aus R., der seiner Frau und sich zur Silberhochzeit eine Reise nach New York geschenkt hat, fährt zusammen. Viele Gedanken schießen ihm gleichzeitig durch den Kopf: "Oh Gott, ich habe ja schon ewig keinen Notfall mehr behandelt! Merkt's denn jemand, wenn ich mich nicht melde? Aber helfen will ich ja schon. Was passiert denn, wenn ich mich melde? Gibt's an Bord überhaupt Material für so einen Notfall?" Er schaut zu seiner Frau hinüber, erhebt sich zögernd aus seinem Sitz und geht nach vorne. "Ich bin Arzt. Wie kann ich Ihnen helfen?" In der Galley der Business-Class liegt ein etwa 65jähriger Mann. Er ist sehr blaß, reagiert kaum auf Schmerzreize, atmet flach und unregelmäßig, sein Puls ist langsam und kräftig. "Ich bringe Ihnen das doctor's kit und Sauerstoff" hört Dr. G. eine Stewardess sagen. Er fühlt sich nicht besonders sicher ...

Wie gut, daß der Patient in diesem Augenblick die Augen aufschlägt und sich vom Fußboden erhebt. Wie gut auch, daß vor den Fenstern des Airbus nicht die irische Westküste in 10000 Metern Tiefe zu sehen ist, sondern nur der graue Betonboden einer Lufthansa Werft .

Der "Notfall" findet im Rahmen einer Medifan-Ausbildung statt. Aber die Situation ist direkt aus der Realität genommen. Neurologische Notfälle gehören nach Herz-Kreislauf-Problemen zu den Notfällen, die Passagiere auf einem Langstreckenflug am häufigsten erleiden. Und auch das Ambiente ­ der Airbus 340 und die an Bord befindlichen Geräte zur Notfallversorgung ­ sind echt. Die Zusammenarbeit zwischen Medifan und großen Fluggesellschaften macht's möglich. Die Übungssequenz ist Teil eines mehrtägigen Seminars, bei dem neben der Notfallmedizin auch die Medizin auf Reisen einen Schwerpunkt bildet.

"Der Notfall im Flugzeug": So exotisch diese Situation anmuten mag, sie ist nicht allzu selten, vor allem auf Langstreckenflügen. Alle großen Fluggesellschaften führen deshalb an Bord ihrer Maschinen neben den üblichen Erste-Hilfe Kästen ein sogenanntes "doctor's kit" mit, einen Koffer mit medizinischen Materialien, die nur von einem Arzt eingesetzt werden dürfen. Außerdem rüsten inzwischen die ersten Airlines ihre Langstrecken-Jets mit halbautomatischen Defibrillatoren aus, um auch eine Reanimation während des Fluges möglich zu machen.

Trotz all dieser technischen Hilfsmittel hängt die Versorgung eines Notfallpatienten an Bord aber immer entscheidend davon ab, wie die Helfer mit der ungewohnten Situation umgehen. Wo kann ich einen Patienten im Flugzeug zur Versorgung hinbringen? Wie arbeite ich unter den beengten Bedingungen einer Kabine? Inwieweit ist das Kabinenpersonal ausgebildet, mir zu assistieren? Wer übernimmt die Verantwortung für eine außerplanmäßige Zwischenlandung? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit zu landen, und wie lange dauert es, bis wir am Boden sind? Für alle diese Probleme gibt es praktische Lösungen; und wie immer besteht das Geheimnis eines erfolgreichen Notfallmanagements darin, die Situation vorher schon einmal "trocken" durch gespielt zu haben.

Viele Notfallpatienten können sicherlich zunächst an ihren Sitz plätzen versorgt werden. Dabei ist allerdings daran zu denken, daß die unmittelbaren Sitznachbarn ihre Plätze zumindest vorübergehend räumen müssen. Es bietet sich an, die Sitzreihe des Patienten sowie die Reihe dahinter frei zu machen, um guten Zugang zu ihr zu haben. Je nach Sitzplatzposition bedeutet dies, daß 6 - 8 Passagiere unter Umständen für längere Zeit umquartiert werden müssen oder aber im Gang stehen.

Maßnahmen wie Anamnese, einfache Diagnostik, Sauerstoffgabe, Anlegen einer Infusion sowie die Verabreichung von Medikamenten können im Sitz durchgeführt werden. Eine mäßige Reklination der Rückenlehne ist bekanntermaßen ebenfalls möglich. Bei manchen Flugzeugtypen können Sitzlehnen auch nach vorne umgelegt werden; wenn der Sitz vor dem Patienten frei ist oder frei gemacht werden kann, kann man so eine Auflage für die Beine schaffen .

Sitze in der ersten Klasse können häufig ganz umgelegt und zu recht bequemen Liegeflächen umgebaut werden. Ein Verbringen von Notfallpatienten in die erste Klasse dürfte aber häufig am Widerstand der dort sitzenden Passagiere und an der Angst der Crew vor allfälligen Beschwerden scheitern.

Alle Patienten, die instabil sind, sollten so früh wie möglich aus ihren Sitzen geholt und in eine der Galleys gebracht werden. Nur dort ist es möglich, sie hinzulegen und etwas abgeschirmt vom Rest der Passagiere zu arbeiten. In den Galleys bzw. an den Notausgängen befinden sich auch häufig die Sauerstoffflaschen für Notfälle, außerdem hat das Kabinenpersonal von den Galleys aus die Möglichkeit, über Intercom direkt mit der Cockpitbesatzung zu sprechen.

Flugbegleiter haben eine medizinische Grundausbildung, die von Gesellschaft zu Gesellschaft variiert, in den meisten Fällen aber nicht über Erste-Hilfe-Maßnahmen und Grundkenntnisse der Basisreanimation hinausgehen dürfte. Trotzdem werden Sie einen behandelnden Kollegen natürlich bei vielen Maßnahmen und organisatorischen Abwicklungen unterstützen können. Der Arzt kann darauf vertrauen, daß er mit der fliegenden Besatzung ein Team bildet, in dem sich alle nach Kräften bemühen, den Notfall zum bestmöglichen Ergebnis zu bringen.

Ein Arzt, der einen Notfallpatienten an Bord eines Flugzeugs behandelt, wird indirekt auf Bitten des Flugkapitäns aktiv, bei dem die Verantwortung für das Wohl der Passagiere an Bord liegt. Der Flugkapitän behält auch grundsätzlich die letzte Entscheidung darüber, ob er weiterfliegen, umdrehen oder einen Ausweich-Flughafen ansteuern will. Aus diesen Überlegungen wird schon ersichtlich, daß es eine enge und fortlaufende Kommunikation zwischen Arzt und Kapitän geben muß. Sie wird zunächst über das Kabinenpersonal abgewickelt; wenn Entscheidungen über Flugabbruch oder -umleitung getroffen werden müssen, ist aber sicherlich das direkte Gespräch anzustreben. Selbst wenn sich das Flugzeug zum Zeitpunkt des Notfalls in der Nähe eines geeigneten Flughafens befindet und diesen unverzüglich anfliegen kann, muß man damit rechnen, 20 - 30 min überbrücken zu müssen, bevor es in einer Position ist, in der Hilfe von außen kommt. Notfallmaßnahmen dürfen also nicht verzögert werden, "weil ja sowieso gleich kompetente Hilfe da ist".

Zurück zu unserem Notfall-Szenario. Welche Therapieschritte hat Kollege G. eingeleitet, und wie sieht das weitere Vorgehen aus? Der diagnostische Block (BAP Schema) ergibt einen deutlich bewußtseinsgetrübten Patienten mit beeinträchtigter Atmung, aber noch stabilen Kreislaufverhältnissen .

Dr. G. ordnet als erstes die Sauerstoffgabe über eine Maske an und legt einen venösen Zugang. Unter Sauerstoff bessert sich die Atmung des Patienten, die Bewußtseinsstörung bleibt allerdings bestehen. Der Blutdruck ist erhöht. Dr. G. bittet die Flugbegleiter darum, die Passagiere in der nicht voll besetzten Business Class so umzusetzen, daß zwei hintereinanderliegende Sitzgruppen frei werden. Der Patient wird jetzt in den reklinierten Gangsitz der vorderen Sitzreihe gelegt, damit bei eventuellen Atmungsproblemen schnell von hinten eingegriffen werden kann.

Bei der erneuten körperlichen Untersuchung fallen ein leicht hängender Mundwinkel rechts sowie ein Tonusverlust im rechten Arm auf. Damit ist die Verdachtsdiagnose einer zerebralen Ischämie sehr wahrscheinlich geworden. Atmung und Kreislauf des Patienten sind weiterhin stabil, die Bewußtseinslage hat sich nicht verbessert. Dr. G. bittet eine Flugbegleiterin darum, regelmäßig Puls und Blutdruck des Patienten zu kontrollieren. Dann läßt er sich vom Purser ins Cockpit bringen und bespricht das weitere Vorgehen mit dem Kapitän. Er empfiehlt eine Flugunterbrechung, da der Patient schnellstmögliche stationäre Behandlung benötigt. Daraufhin bittet der Kapitän über Funk um die Erlaubnis, umzukehren und außerplanmäßig den Flughafen Shannon an der irischen Westküste anfliegen zu können. 30 min später rollt der Airbus neben einem bereits wartenden Ambulanzfahrzeug aus.

Stefan Graf

   

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